PRAEVENEO BLOG / GESUNDHEIT

Alles nur Feigenblätter

1. Dezember 2011
Ein Interview mit Dr. med. Wolfram Pfeiffer

Herr Dr. Pfeiffer, Sie arbeiten häufig mit mittelständischen Unternehmen zusammen. Wie steht es in den Betrieben um das Thema Gesundheitsmanagement?

Pfeiffer: Als die letzte Krise vorbei war, wachte man auf und merkte, dass man das Thema völlig vernachlässigt hat. Dabei sind demografische Entwicklung und Fachkräftemangel für viele Betriebe heute schon Realität. Der Mittelstand besucht seit zehn Jahren bei der IHK Seminare zum Thema – und erst jetzt stellt man dort fest: „Oh, das gibt es ja wirklich.“ In vielen Unternehmen beschränkt sich Gesundheit auf den Aspekt arbeitsmedizinische Betriebsbetreuung, wenn überhaupt. Doch das ändert sich gerade: Die Nachfrage nach Angeboten im Bereich Gesundheitsmanagement steigt gerade gewaltig.

Woran erkennt man eigentlich den Gesundheitsstatus im Unternehmen?

Pfeiffer: Fehlzeitenquote, Fluktuation und die Art der Erkrankungen liefern wesentliche Grundlagen. Auch das betriebliche Eingliederungsmanagement gibt Anhaltspunkte. Hier sind Führungskräfte im Mittelstand oft hoffnungslos überfordert und wenden sich mit ihrer Sorge um einzelne Mitarbeiter konkret an uns. Es ist sehr legitim und meistens sinnvoll, sich Hilfe von außen zu holen. Am meisten erfährt man immer im direkten Kontakt mit den Mitarbeitern und weiß so, wo Handlungsbedarf besteht.

Wie sehen die Gesundheitsangebote der Firmen in der Regel aus?

Pfeiffer: Jedes Unternehmen ist nach dem Arbeitssicherheitsgesetz verpflichtet, seine Mitarbeiter zu betreuen. Da gibt es eine Bildschirmarbeitsplatzbeurteilung, Impfungen werden thematisiert, oder es gibt eventuell einen Gesundheitstag. Das sind alles Feigenblätter. Der gesetzliche Rahmen wird heute zwar erfüllt, alles was jedoch zugekauft werden müsste, liegt im Mittelstand brach. Da macht die Einstellung in jedem einzelnen Unternehmen den Unterschied. Die ganze Arbeitsmedizin muss sich erneuern und zur zentralen Säule des betrieblichen Gesundheitsmanagements werden.

Und was schlagen Sie dem Mittelstand vor?

Pfeiffer: Es bedarf eines sinnvollen Konzepts. Dieses besteht aus Check-ups für Führungskräfte und vielleicht sogar Mitarbeiter. Schließlich haben Vorgesetzte eine Leuchtturm-Funktion im Betrieb. „Gesund führen“ muss da definitiv thematisiert werden. Dann gehören Work-Life-Seminare dazu, die Themen wie Ernährung, Fitness, Bewegung sowie Stress- und Zeitmanagement ansprechen. Die Leute müssen verstehen, dass man selbst lebenslang an seiner Fitness arbeiten muss. Für eine betriebliche Gesundheitsinitiative testen wir beispielsweise Fitnessanbieter vor Ort und handeln für unsere Kunden Rahmenverträge aus. Zusätzlich erarbeiten wir gerade ein Online-Info-Tool, das Zugriff auf spezifische Gesundheitsinformationen liefern soll. Quasi eine Informationsplattform vom Arbeitsplatz aus.

Das klingt nach einem erheblichen Aufwand. Wie kontrollieren Sie den Erfolg dieser Anstrengungen?

Pfeiffer: Wir machen eine Vorher/nachher-Befragung, wir nennen das Work-Life-Check, zum Beispiel unter dem Motto „Fit und schlank in Ihrer Bank“, je nach Unternehmen. Ein wichtiger Baustein sind auch Gesundheitszirkel oder ein Gesundheitsbeauftragter. Der Austausch zwischen Kollegen zum Thema muss gefördert werden, das halten wir für wichtig. Man kann gesundes Verhalten niemandem überstülpen, das muss von innen kommen.

Welche Erfahrung haben Sie mit der Akzeptanz solcher Angebote?

Pfeiffer: Die meisten Mitarbeiter sehen Gesundheitsangebote als persönliche Wertschätzung, das gilt insbesondere für Maßnahmen zur Gesundhaltung älterer Mitarbeiter. Das Gefühl, „Ich gehöre dazu“ und „Ich bin denen wichtig genug, Geld in die Hand zu nehmen“, ist positiv und verstärkt die Bindung an den Arbeitgeber.

Und welche Rolle spielt der Chef beim Thema Gesundheit?

Pfeiffer: Der Fisch stinkt vom Kopf. Natürlich muss jeder seinen eigenen Weg finden, aber der Chef gibt letztlich die große Linie vor. Kürzlich berichtete mir ein Unternehmer mit 30 Mitarbeitern Folgendes: Mittwochs schickt er alle seine Mitarbeiter um 16 Uhr nach Hause, er geht selbst durch die Firma und schickt die Leute raus. Denn er ist fest davon überzeugt, dass er das doppelt und dreifach wieder zurückbekommt.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE DR. ULRIKE FELGER

Dr. med. Wolfram Pfeiffer
Leitender Arzt Praeveneo & Facharzt für Innere Medizin – Sportmedizin