PRAEVENEO BLOG / SPORT

Die Allzweckwaffe Sport

12. August 2014
von Dr. med. Wolfram Pfeiffer, erschienen in VALUE 01/2014

Moderne Zivilisationskrankheiten im Visier des betrieblichen Gesundheitsmanagements

Das Thema „Gesundheit der Mitarbeiter“ erhält zunehmend Bedeutung für Firmen jeder Größe. Hohe Fehlzeitquoten aufgrund von körperlichen und psychischen Krankheiten stören betriebliche Abläufe und beeinträchtigen das firmeninterne Klima. Vor dem Hintergrund zunehmend komplexerer Anforderungen an die Arbeitnehmer und des sich immer mehr beschleunigenden demografischen Wandels wird der Erhalt der Mitarbeitergesundheit zum zentralen Drehmoment im Personalmanagement. In Form eines betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) wird die Gesundheitsförderung immer stärker in die betriebliche Organisation eingebunden. Es steht außer Frage: Ein nachhaltig angelegtes und modernes Gesundheitsmanagement dient beiden Seiten, Mitarbeitern und Unternehmen.

Damit sich die Investition für alle Beteiligten lohnt, müssen konzeptionelle und inhaltliche Parameter stimmen. Von zentraler Bedeutung für den Erfolg eines BGM ist die Unterstützung der Führungskräfte, die als Multiplikatoren die Akzeptanz der Gesundheitsangebote in die Belegschaft transportieren. Deshalb sollte in einem ausdifferenzierten Gesundheitskonzept die Schulung und Sensibilisierung der Führungskräfte mit inbegriffen sein. Sie sind „gesundheitliche Leuchttürme“ im Betrieb und ihr eigenes Gesundheitsverhalten hat enormen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten der Mitarbeiter. Gesundheitskompetente Führungskräfte erkennen zudem rechtzeitig ein drohendes Burn-out-Syndrom ihrer Mitarbeiter und können dem präventiv entgegensteuern. Ein gutes BGM ist immer eine ehrlich gemeinte Hilfe zur Selbsthilfe und darf nie eine Bevormundung sein.

Dr. med. Wolfram Pfeiffer
Leitender Arzt Praeveneo & Facharzt für Innere Medizin – Sportmedizin

Die inhaltliche Ausgestaltung richtet sich sinnvollerweise nach dem individuellen Bedarf eines jeden Unternehmens. Mittels einer Befragung in der Belegschaft und Gesundheits-Check-ups kristallisieren sich die speziellen Handlungsfelder heraus.

Generell lässt sich aber festhalten: Das Voranschreiten der modernen Zivilisationskrankheiten muss seinen Niederschlag in der Ausgestaltung eines werthaltigen Gesundheitskonzepts finden. Krankheitsbedingte Ausfälle, die auf Übergewicht/Fettleibigkeit und psychische Erkrankungen zurückzuführen sind, nehmen kontinuierlich zu. Psychische Erkrankungen sind mittlerweile die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit (28,7 Prozent), dicht gefolgt von Erkrankungen des Skelett- und Bewegungsapparates (22,7 Prozent). Mit gezielten Präventionsmaßnahmen lässt sich das Risiko in vielen Fällen entschärfen.

Diabetes wird zur Volkskrankheit

Im Folgenden werden drei Gefährdungssituationen aufgegriffen, die in einem BGM-Konzept berücksichtigt werden sollten und sich mit gezielten Maßnahmen entschärfen lassen: das metabolische Syndrom (Diabetes-Vorstufe), psychische Erkrankungen und Rauchen.

Diabetes und das metabolische Syndrom haben sich aufgrund der weiter zunehmenden Übergewichtigkeit, des häufig ungesunden Lebensstils und der zunehmenden Langlebigkeit der Menschen zu Volkskrankheiten entwickelt, die den Unternehmen enorme Fehlzeiten bescheren. Die Entwicklung ist augenscheinlich: 1950 gab es ca. 0,5 Millionen Diabetes-Patienten, 2010 waren es ca. 8 Millionen Patienten. Die Prognose für 2020 liegt bei ca. zwölf Millionen Fällen.

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: Geschätzt liegt bei ca. 20 Millionen Bundesbürgern ein Metabolisches Syndrom vor. Das sind alarmierende Zahlen. Ein modernes BGM sollte daher einen Schwerpunkt auf die Diabetesprävention legen. Durch entsprechende Angebote im Bereich Bewegung und gesunde Ernährung kann dem Krankheitsbild vorgebeugt werden. Aber nicht nur das Diabetesrisiko wird gesenkt. Sport und bewusste Ernährung sind eine wahre Allzweckwaffe:

  • Reduziertes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko
  • Geringeres Diabetesrisiko
  • Reduziertes Krebsrisiko
  • Antidepressivum
  • Bessere Schlafqualität
  • Stressreduktion
  • Bessere Gehirnleistung
  • Erhalt der Beweglichkeit
  • Verzögerter Muskelabbau
  • Reduziertes Osteoporoserisiko

Zu einem gesunden Lebensstil gehören Nichtrauchen, ein normales Körpergewicht, eine gute körperliche Fitness und gesunde Ernährung.

Stressprävention ist Führungsaufgabe

Fehlzeiten und Frühberentung durch psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen nehmen rasant zu. Das Phänomen muss allerdings differenziert betrachtet werden. Die pauschale Aussage, Stress macht krank, greift zu kurz. Bis zu einem gewissen Grad ist Stress nicht gesundheitsschädlich, ganz im Gegenteil. Krankmachend wirkt Stress erst, wenn er dauerhaft anhält. In diesem Fall spricht man von negativem Stress. Dieser schlägt sich nicht nur negativ auf die Psyche nieder, sondern hat auch konkrete physische Auswirkungen. Die gravierendste gesundheitliche Folge ist das um den Faktor 2,6 erhöhte Herzinfarktrisiko.

Eine zentrale Rolle bei der Stressprävention nehmen Führungskräfte ein, denn Unzufriedenheit mit der Führung ist ein Hauptauslöser für negatives Stressempfinden. Mangelnde Unterstützung und Wertschätzung durch den Vorgesetzten oder auch durch geringe berufliche Selbstwirksamkeit führen verstärkt zu Frustration bei den Mitarbeitern. Daher sollte die betriebliche Gesundheitseinrichtung einen entsprechend sensibilisierten Führungsstil fördern. Sind die Mitarbeiter von ihrer eigenen Bedeutung für den unternehmerischen Erfolg überzeugt, stellt sich in der Regel auch Zufriedenheit ein. Führungskräfte vermitteln ihren Mitarbeitern diese Eigenwirksamkeitsüberzeugung vor allem durch Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote. Ebenfalls förderlich sind eine hohe erlebte organisatorische Unterstützung und proaktives Coping, also eine aktive Herangehensweise an Probleme.

Rauchen bleibt großes Thema

Die immensen gesundheitlichen Folgeschäden durch Tabakkonsum sind unbestritten. Erfreulich ist, dass das Nichtrauchergesetz die gewünschte Wirkung hat: Die Zahl der Raucher in den vergangenen Jahren hat abgenommen, von der Gesamtbevölkerung rauchen 22 Prozent, bei den Männern sind es ca. 26 Prozent, bei Frauen ca. 18 Prozent. Sehr erfreulich ist die geringe Raucherquote bei Führungskräften, die unter 10 Prozent liegt. Auch das Einstiegsalter bei Jugendlichen steigt. Trotz dieses positiven Trends kommt der Tabakprävention in Unternehmen weiterhin eine große Bedeutung zu, denn die Folgen des Rauchens schlagen sich immer noch in gravierenden Zahlen nieder. Seit 30 Jahren sterben immer mehr Frauen an den Folgen des Rauchens. Jedes Jahr kommt es zu 100.000 Todesfällen, die auf das Rauchen zurückzuführen sind. Mehr als 50 Prozent der Todesfälle in der Altersgruppe der 35-bis 69-Jährigen sind eine Folge des Rauchens. Im Durchschnitt sterben Raucher 10 bis 15 Jahre früher als Nichtraucher. 1/3 aller Krebstodesfälle kann mit Rauchen in Verbindung gebracht werden. Ein ausdifferenziertes BGM-Konzept sollte also auch immer die Tabakprävention berücksichtigen.

Die Quintessenz aus präventivmedizinischer Sicht ist klar: Viele Krankheitsrisiken lassen sich durch wenige, den Lebensstil betreffende Maßnahmen merklich reduzieren. Ein nachhaltiges BGM kann zu einem solchen gesunden Lebensstil einen aktiven Beitrag leisten. Die Handlungsfelder, also der Bedarf ist aus wissenschaftlicher Sicht gut definiert. Schwerpunkte sollten auf die Bereiche körperliche Aktivität/Fitness, gesunde Ernährung, Stressmanagement und Tabakprävention gelegt werden. Es sollte eine Kombination von Verhaltens- und Verhältnisprävention sein. Die Gesundheitsziele sollten im Unternehmensleitbild verankert und von der Führungsetage mitgetragen werden. Dann wird betriebliches Gesundheitsmanagement zu einem Zugewinn für Unternehmen und Mitarbeiter.