PRAEVENEO BLOG / SPORT

Flotte Gangart

18. Mai 2011

Speedhiking, die sportliche Form des Wanderns in anspruchsvollem Gelände, ist auf dem Weg zum neuen Outdoortrend. Was macht den besonderen Reiz aus? Vier Männer und ihr Abenteuer auf dem Meraner Höhenweg.

Bericht und Fotos von Ulrich Pramann

Am Ende dieser drei enorm anstrengenden, sehr intensiven und einfach großartigen Tage zog Bernd ein Fazit. Dazu genügten ihm drei Zahlen, ein Wort des Respekts und drei Ausrufezeichen. »94,3 km. 8789 Hm. 14222 kcal. HAMMER!!!« Gewissenhaft hatte Bernd Neuhardt mittels moderner Polarpulsuhr die Daten ihrer Muskelleistung aufgezeichnet und akribisch ausgewertet. Sie waren also die sechs Etappen des Meraner Höhenwegs in drei Tagen gelaufen, genau 94,3 Kilometer, sie hatten dabei 8789 Höhenmeter absolviert und auf der Tour satte 14222 Kalorien verbrannt.
»Hammer!« – diesen Ausdruck des Erstaunens bemühte Bernd Neuhardt noch ein ums andere Mal.
Das erste Mal, als sie oberhalb von Katharinaberg starteten. Sie wollten eigentlich schon morgens um sechs los, waren um fünf aufgestanden, hatten kräftig gefrühstückt, weil heute mindestens neun schwere Stunden vor ihnen lagen. Und dann verzögerte nervöse Vorfreude den Abmarsch doch bis sieben Uhr, weil dem einen etwas im Rucksack fehlte oder der andere seinen 15-Kilo-Rucksack noch erleichtern wollte. Aber was war entbehrlich? Und was nicht?
Das Schnalstal lag noch weitgehend im Schatten. Aber hier oben auf dem Montferthof (1475 m) oberhalb des Katharinabergs grüßte schon freundlich die Sonne, die östlich über dem Jaufenpass langsam höher stieg. »Hammer«, freute sich Bernd, als es für ihn und die drei anderen endlich begann – dieses Abenteuer Meraner Höhenweg und Speedhiking.

Speedhiking ist eine sportliche Form des Wanderns. Speedhiking ist schnelles Gehen mit Stöcken und leichter Ausrüstung (inklusive Proviant und Wasser) in anspruchsvollem Gelände, also eine abwechslungsreiche körperliche Herausforderung, kombiniert mit intensivem Naturerleben. Der neue Trendsport Speedhiking grenzt sich klar vom Trailrunning ab. Zwar bewegen sich auch Trailrunner flott durch die Naturkulisse, sie kommen aber nach ein paar Stunden zurück ins Tal. Speedhiker hingegen wollen wie Bergwanderer mehrtägige Touren machen, oft in hochalpinem Gelände, und gerne auch in rustikalen Berghütten übernachten.
Als »Wandern für Flottgeschrittene« überschrieb das DAV-Magazin »Panorama« die neue Bewegung Speedhiking. Die kommt – natürlich! – aus den USA. Speedhiker wie Matt Hazley oder Scott Williamson sind Helden der Szene. Matt lief die drei größten amerikanischen Trails am Stück, 12110 Kilometer in 239 Tagen. Und Scott schaffte den Pacific Crest Trail (4300 km) in 65 Tagen.
Auch einer wie Peter Schlickenrieder, olympischer Medaillengewinner im Langlauf, der heute eine Sportmarketingagentur führt, wollte seinen »Körper herausfordern und sich besser kennenlernen«. Die 22 Etappen des Ötztal-Treks absolvierte er in nur sieben Tagen. Für ihn »eine beeindruckende und unvergessliche Erfahrung, ein ultimatives Natursporterlebnis«; für Einsteiger sei so eine Extremtour aber nicht empfehlenswert.
Gleichwohl muss man kein Hochleistungssportler sein. Schlickenrieder: »Speedhiking ist der ideale Sport für ambitionierte Wanderer, die neue Herausforderungen im Gewohnten suchen. Wem klassisches Wandern zu langsam ist, der findet im Speedhiking eine gute Alternative.« Auch für Läufer, die vielleicht wegen Gelenkproblemen nicht mehr joggen können, ist Speedhiking geeignet. Allerdings sollte man eine gewisse Grundfitness mitbringen. Wer bislang nur moderat gewandert ist und als Läufer über nur wenig Grundlagenausdauer verfügt, für den ist Speedhiking eine ungewohnte Belastung. Während beim Wandern der Puls kaum über 130 steigt, kann es beim Speedhiking sogar deutlich über 180 gehen.

Natürlich wollen auch sie an ihre Grenzen gehen: Bernd Schäufle (45), Vorsitzender der Nordic Walking Union, Michael Peitz (28), Dipl.­Sportwissenschaftlicher, Horst Kircher (56), ehemaliger Berufssoldat, und Bernd Neuhardt, der in Zweikirchen ein Sportgeschäft führt. Für große Erlebnisse ist der Meraner Höhenweg, einer der schönsten Wanderwege des gesamten Alpenraums, ideal. Wie von einer Aussichtsterrasse schaut man unterwegs ins Vinschgau, das Meraner Becken, das Passeiertal, auf die Sarntaler, Stubaier und Ötztaler Alpen. Bei schönem Wetter scheinen sogar die Dolomiten, die Brentagruppe und das Ortlermassiv zum Greifen nahe. Gut markierte Wege, bewirtschaftete Almen, Berggasthöfe erleichtern die Tour. Ausgesetzte Passagen sind mit Geländern, Leitern, Treppen oder Stahlseilen gesichert.
Anfangs geht es vor allem über Waldwege und Almen hinauf zur Jägerrast (1700 m). Majestätisch präsentieren sich die Gipfel der Texelgruppe. Ein alter, gleichmäßig ansteigender Militärweg führt durch erste Schneepassagen bis zum Eisjöchl (2895 m) und zur Stettiner Hütte (2875 m). Mittagsrast. Bald ist ganz da unten Pfelders zu erkennen, Ziel der ersten Etappe. Der Abstieg zieht sich scheinbar endlos. Viele, viele Serpentinen. Sie pflegen ein flottes Tempo. Bis auf Bernd Neuhardt. Er trat irgendwo da oben in ein Schneeloch, verdrehte sein Knie und humpelt mit mulmigem Gefühl talwärts.

Der 2. Tag. Die Beine fühlten sich gut an. Ob es an ihren Kompressionsstrümpfen lag? Nur Bernd klagte. Geschwollenes Knie. Damit weiter? Der Wetterbericht hatte den heißesten Tag des Jahres angekündigt, knapp 35 Grad. Vor ihnen lagen heute fast 40 Kilometer und 3200 Höhenmeter. Bei Bernd siegte die Vernunft, er gab dieses Abenteuer Speedhiking schweren Herzens auf.
Die Etappe von Pfelders zur Bergstation der Hochmuthbahn war eine wirkliche Herausforderung. Ständiges Auf und Ab in flotter Gangart. Und von oben ballerte die Sonne. Am Abend hatte jeder im Schnitt zehn Liter getrunken, inklusive Zielweizen.

Der letzte Tag. Von Hochmuth (1400 m) zurück nach Katharinaberg. Dazwischen tiefe Taleinschnitte, Rinnen, Almen und Wälder, teilweise steile Treppen – 28,1 Kilometer, 3195 Höhenmeter, unterwegs auch ein Gewitter, fast zehn Stunden Laufzeit. Als sie den Untervernatschhof erreichten, konnte man aus ihren Gesichtern eine Mixtur aus Glück, Erschöpfung und Stolz herauslesen.
Zwei Zielweizen, tausend Eindrücke, die die drei dann überschwänglich loswerden wollen. Was für ein ultimatives Natursporterlebnis. Trotz des schnellen Wandertempos haben sie sich unterwegs natürlich auch Zeit genommen, die Natur ringsum auf sich wirken zu lassen, mit allen Sinnen zu erleben und ihre eigene Natur zu spüren. Sie haben sich Zeit gelassen, die Erhabenheit der Natur zu erfassen, aus Gebirgsbächen zu trinken und übereinander zu witzeln, weil sich jeder mit jedem Tag ein bisschen weniger bedeutend nimmt und erlebt, wie sich zur Erschöpfung, dem Glück und dem Stolz, dies hier zu tun, auch Gefühle von Demut mischen. Wie klein ich doch bin und wie groß und großartig diese Naturkulisse ist. Hammer!