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Krebsprävention durch Lebensstil?

18. März 2014
von Dr. med. Martin Pitzer

Wir fragen uns oft, welche Rolle der Lebensstil in der Krebsvorbeugung spielt. Dieser Artikel soll anhand der aktuellen Datenlage erläutern, wie sich lebensstilabhängige Faktoren auf das Krebsrisiko auswirken. Der Einfluss des Lebensstils bei bereits vorliegender Krebserkrankung oder sinnvolle Maßnahmen zur Krebsfrüherkennung sind nicht Gegenstand dieser Ausführungen.

Es ist aus verschiedenen Gründen schwierig, wissenschaftliche Zusammenhänge zwischen Lebensführung und einzelnen Krebsarten zu erfassen. Dies liegt zum einen daran, dass verschiedene Krebsarten sich zum Teil erheblich in Ihrem biologischen Verhalten unterscheiden. Selbst im gleichen Organ können unterschiedliche Krebsarten auftreten, die sich zum Beispiel hinsichtlich der Wirksamkeit einer Therapie und der Prognose stark differenzieren. Zudem variiert unsere Lebensführung und unser Ernährungsverhalten sehr stark. Körperliche Aktivitäten und mehr oder weniger gesunde Vorlieben schwanken über die Jahre oft erheblich.

Da sich Krebs häufig bis zu seiner klinischen Manifestation  über sehr lange Zeiträume entwickelt, können zwischen der Diagnose der Erkrankung und der ursächlichen, schädlichen Einwirkung oft Jahrzehnte liegen. Ein sehr gutes Beispiel hierfür sind die durch Asbest verursachten Krebserkrankungen der Lunge und des Rippenfells, bei denen sich häufig eine Jahrzehnte zurückliegende Asbestexposition findet, die manchmal sogar vom Patienten gar nicht bewusst bemerkt wurde oder nur kurz andauerte.

Dr. med. Martin Pitzer
Facharzt für Innere und Arbeitsmedizin, Pneumologe und Präventivmediziner DAPM

Sicher spielen Umweltfaktoren (Umweltverschmutzung, chemische Stoffe) neben dem Erbgut bei einzelnen Krebserkrankungen durchaus eine Rolle. Bei Betrachtung der epidemiologischen Daten werden aber diese nicht direkt beeinflussbaren Risikofaktoren für das Entstehen von Krebserkrankungen im Allgemeinen eher überschätzt. Möglicherweise liegt das auch daran, dass diese als Risikofaktoren leichter zu akzeptieren sind als solche, die durch den eigenen Lebensstil beeinflussbar sind.

Nach seriösen Schätzungen der UICC (Union for International Cancer Control, World Cancer Congress 2012) ist davon auszugehen, dass über 50% der Krebserkrankungen durch Lebensstilveränderungen vermieden werden könnten. Wichtigster Punkt ist dabei der Verzicht auf das Rauchen, da Rauchen ca. ein Drittel der Krebserkrankungen verursacht. Lungenkrebs als häufigste tödliche Krebserkrankung wird bei Männern zu 90% und bei Frauen zu 60% durch Rauchen verursacht. Auch Krebserkrankungen von Kehlkopf, Speiseröhre, Bauchspeicheldrüse und Blase treten bei Rauchern deutlich häufiger auf als bei Nichtrauchern. Für alle Raucher zeigen die Statistiken aber auch einen Lichtblick: Wenn man es bis zum 40. Lebensjahr schafft, mit dem Rauchen aufzuhören, gleicht sich das Lungenkrebsrisiko innerhalb von 10 Jahren wieder an das niedrige Risiko eines lebenslangen Nichtrauchers an.

Auch das Körpergewicht und damit Ernährung und Bewegung spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung vieler Krebskrankheiten. Dabei wurde die Lebensmittelauswahl lange überbewertet und immer wieder wurden und werden in den Medien einzelne Nahrungsmittel als besonders ungesund oder zur Krebsvorbeugung günstig bezeichnet, was sich bei genauer Betrachtung meistens nicht bestätigen lässt. Viele Menschen hoffen auch, durch Vitaminpräparate oder Nahrungsergänzungsmittel Krebskrankheiten zu verhindern. Die Rolle dieser „Gesundheitspillen“ wird aber zunehmend kritisch gesehen. Eine krebsvorbeugende oder gar krebsheilende Wirkung wird für diese Präparate in unabhängigen(!) Studien nicht belegt. Vielmehr sind in mehreren Studien eindeutig negative Aspekte mit erhöhten Risiken z. B. durch in Tablettenform zugeführtes Vitamin A oder Vitamin E aufgetreten.

Die Vielzahl der konsumierten Nahrungsmittel, wechselnde Gewohnheiten und die oben bereits angesprochenen langen Zeiträume bis zur Manifestation einer Krebserkrankung erschweren das Erkennen von kausalen Zusammenhängen zwischen Ernährung und Krebs erheblich. Eindeutig spricht die Studienlage aber dafür, dass bei einigen Tumorarten die Energiebilanz und somit ein bestehendes Übergewicht große Bedeutung haben. So erhöht Übergewicht vor allem das Risiko für Krebserkrankungen des Dickdarms, der Nieren, der Speiseröhre und bei Frauen für Gebärmutter und Brustkrebs nach der Menopause (=Zeit ab dem Ende der Monatsblutungen).

Wesentlich für das erhöhte Krebsrisiko scheint die bei Übergewichtigen vorliegende Insulinresistenz zu sein. Hauptaufgabe des Insulin ist es eigentlich, Zucker aus dem Blut in die Zellen zu schleusen, wo er für die Energiegewinnung genutzt werden kann. Bei den allermeisten Übergewichtigen kommt es durch das vermehrte Bauchfett zu einer immer schlechteren Wirkung des Insulins, so dass trotz hoher Blutzuckerspiegel hohe Insulinspiegel vorliegen. Sowohl epidemiologische Daten als auch Untersuchungen an Krebszellen zeigen, dass ein hoher Blutzuckerspiegel und ein hoher Insulinspiegel das Risiko für Krebserkrankungen erhöhen. Eine starke Zuckeraufnahme von Tumorzellen ist schon lange bekannt und wird auch bei modernen diagnostischen Verfahren zum Aufspüren von Tumorzellen im Körper (FDG-PET) genutzt. Die Tumorzellen brauchen – wie alle schnell wachsenden Zellen – den Zucker als Energielieferanten. Insulin fördert außerdem das Wachstum der Krebszellen, da es die Produktion von Wachstumsfaktoren (GF) stimuliert bzw. an deren Rezeptoren andocken kann.

Eine Normalisierung des Körpergewichts ist somit nicht nur in der Prävention von Herz- und Kreislauferkrankungen, sondern auch zur Krebsprävention sinnvoll. Bezüglich der Insulinresistenz erweist sich dabei eine Reduzierung der stärke– und zuckerhaltigen Lebensmittel als besonders effektiv, was z. B. die kohlenhydratreduzierte Ernährung nach dem LOGI-Konzept umsetzt. Bei Krebspatienten wird eine extrem kohlenhydratarme (sogenannte ketogene) Ernährung nach bisherigen Studien als vielversprechender Ansatz zur Unterstützung einer Krebstherapie bewertet, wobei für eine endgültige Einordnung noch weitere Ergebnisse abzuwarten bleiben.

Die eben erläuterten Effekte auf den Zucker- und Insulinstoffwechsel und das Körpergewicht dürfte auch der wesentliche Grund dafür sein, dass regelmäßige Bewegung Krebskrankheiten verhindern kann. Vor allem die für den Nichtraucher häufigste tödliche Krebserkrankungen des Darms und den Brustkrebs als häufigster bösartiger Tumor der Frau belegen große Studien eine relativ deutliche Reduzierung der Erkrankungshäufigkeit. Dabei zählen nicht nur Sport sondern auch anstrengende Alltagsaktivitäten oder körperliche Arbeit. Die genaue „Dosis“ Bewegung ist unklar, an den meisten Tagen der Woche mindestens 30 Minuten körperliche Aktivität scheint aber präventiv wirksam zu sein.

Unstrittig ist die Rolle eines hohen Alkoholkonsums bei der Entstehung von Krebserkrankungen, wobei wohl in erster Linie das in alkoholischen Getränken enthaltene krebserregende Acetaldehyd für das erhöhte Risiko verantwortlich ist. Tumorerkrankungen des Mund- und Rachenraumes, der Speiseröhre, der Brust und der Leber treten bei hohem Alkoholkonsum gehäuft auf. Ähnlich wie beim Zigarettenrauchen existiert dabei keine als unbedenklich geltende Schwellendosis. Logischerweise steigt das Risiko aber mit der täglich konsumierten Alkoholmenge. Die empfohlene Obergrenze wurde nach der Datenlage in den letzten Jahren abgesenkt: Männer sollten danach nicht mehr als 25 bis 30g Alkohol am Tag (entspricht ca. ¼ l Wein) und Frauen die Hälfte dieser Menge konsumieren.

Abschließend möchte ich noch kurz auf den häufig diskutierten Zusammenhang von Stressbelastung und Krebs eingehen. Unabhängig davon, dass Stress sehr subjektiv und schwierig zu quantifizieren ist, ist ein direkter Zusammenhang bisher nicht nachgewiesen und natürlich auch schwer nachzuweisen. Dies liegt auch daran, dass Stress indirekt ungesunde Verhaltensweisen hervorruft, die – wie oben aufgeführt – die Entstehung von Krebskrankheiten eindeutig fördern. Viele Menschen versuchen Stress durch Genussmittel (Rauchen, Alkohol) zu kompensieren. Außerdem fehlen gestressten Menschen häufig Zeit und Energie für ausreichende Bewegung und bewusste Ernährung. Viele hochbelastete Menschen neigen auch dazu, zwischendurch und abends aus Frust oder zur Belohnung zu essen, was letztlich die Entstehung von Übergewicht begünstigt. Als weitere krebsbegünstigende Faktoren in Zusammenhang mit Stress werden Schlafmangel und eine Schwächung des Immunsystems diskutiert.

Für viele Krebsarten sind nach bisherigem Kenntnisstand keine sinnvollen Vorbeugemaßnahmen bekannt. Dennoch kann jeder durch seinen persönlichen Lebensstil zur Krebsprävention beitragen. Ganz „nebenbei“ verringern Nichtrauchen, ausreichend Bewegung, ein normales Körpergewicht und eine vernünftige Ernährung auch das Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten, die immer noch für mehr als die Hälfte aller Todesfälle in den zivilisierten Ländern verantwortlich sind. Es lohnt sich also, seine Lebensführung unter diesen Gesichtspunkten regelmäßig zu überprüfen und ggf. Veränderungen konsequent anzugehen.