PRAEVENEO BLOG / ERNÄHRUNG

Lust auf Zucker!?

2. Oktober 2012
von Dr. med. Eugen Renz

„Droge Zucker – die Sucht nach dem Süßen“, so titelte der Spiegel in einer seiner letzten Ausgaben. Inhaltlich ist dieser Darstellung überwiegend zuzustimmen. Bloß, ist das alles so neu?

Entwicklungsgeschichtlich hat der Mensch bis vor etwa 10.000 Jahren als Jäger und Sammler kaum Kohlenhydrate und auch keine nennenswerten Mengen an Zucker verzehrt. Die einzigen Zuckerquellen waren Früchte und Honig. Da diese „Süßigkeiten“ nur selten auf dem Speiseplan standen,  mit großer Sicherheit ungiftig waren und dazu noch gut schmeckten, waren sie natürlich etwas ganz Besonderes und damit – wie der Psychologe sagen würde – positiv besetzt.  Dies gilt bis heute, so dass die Zuckerindustrie ihr Produkt inzwischen sogar als „Grundnahrungsmittel“ einstuft!? (im Spiegel korrekt als „Genussmittel“ bewertet).

Dabei unterscheiden wir uns genetisch von unseren Steinzeitvorfahren, gerade was die Stoffwechselvorgänge betrifft, nicht wesentlich. Anders ausgedrückt: Unsere Gene sind auf das Übermaß an Zucker, das uns heute auf billige Weise zur Verfügung steht, einfach nicht angepasst. Und diese mangelnde Adaptation macht sich in vielfältigen Zivilisationskrankheiten und insbesondere in der sich dramatisch entwickelnden Übergewichtsepidemie bemerkbar.

Die preiswerte und fast unbegrenzte Verfügbarkeit von Zucker für weite Kreise der Bevölkerung ist erst seit etwa 200 Jahren selbstverständlich. Aus der weiten Verbreitung des Zuckers ergaben sich zunächst epidemiologisch (vielleicht bis auf Karies)  keine wesentlichen Probleme, da die meisten Menschen körperlich hart arbeiten mussten und daher Übergewicht wesentlich seltener auftrat.

Grundnahrungsmittel, wie Getreide und Reis, kamen erst auf den Speiseplan, als unsere Vorfahren sesshaft wurden. Mit diesen gelang es viele Menschen zu sättigen, weshalb sie die Basis aller Hochkulturen im Altertum (Ägypten – Weizen, China – Reis, Mittelamerika – Mais) waren. Nicht zu vergessen natürlich auch die Kartoffeln, die in Europa in der Zeit der industriellen Revolution eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Geschichte des Zuckers

Schon 6000 v. Chr. war das Zuckerrohr in Ostasien bekannt. Von dort gelangte es nach Indien und Persien, wo 600 n. Chr. erstmals eine Methode zur Herstellung von gereinigtem Zucker entwickelt wurde. Die Araber übernahmen diese Kunst des Zuckersiedens und führten den Zuckerrohranbau um 750 in Spanien und 960 auf Sizilien ein. Das christliche Abendland kam erst mit den Kreuzzügen um 1100 mit dem Zucker in Kontakt. Durch den Orienthandel gelangte der Zucker dann über Venedig und Genua nach Europa. Im 15. Jahrhundert wurde Zuckerrohr dann auch auf Madeira, den Azoren und den Kapverdischen Inseln angebaut, bevor Kolumbus mit seiner zweiten Entdeckungsreise schließlich das Zuckerrohr in die Karibik brachte und dort das für die nächsten drei Jahrhunderte beherrschende Zentrum der Zuckerproduktion auf der Welt begründete.
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts blieb Zucker ein Luxusprodukt, das nur den Reichen vorbehalten war, zumal es noch mit hohen Zollabgaben belastet war. Für die große Masse der Bevölkerung war Zucker unerschwinglich.
Das änderte sich erst, als die Zuckerrübe in Konkurrenz zum Rohrzucker trat. Im Auftrag von Friedrich dem Großen untersuchte Andreas Sigismund Marggraf den Zuckergehalt einheimischer Pflanzen und wurde bei der Runkelrübe fündig. Erst seinem Nachfolger an der Königlichen Akademie Franz Carl Achard in Berlin gelang es dann ein Verfahren zur Gewinnung des reinen Zuckers zu entwickeln. Außerdem gelang es Rüben mit immer höherem Zuckergehalt zu züchten. 1801 wurde die erste Rübenzuckerfabrik im schlesischen Cunern eröffnet. Da der Rübenzucker preiswert war, brach der Zuckermarkt in der Karibik völlig zusammen, was letztlich auch zur Abschaffung der Sklaverei in den entsprechenden Ländern führte. Konkurrenzfähig wurde der Rohrzucker erst wieder durch maschinelle Bewirtschaftung und besseres Management, so dass heute weltweit die Zuckerproduktion aus Rohrzucker den aus Rüben wieder übertrifft.

Man muss sich klarmachen, dass die Kohlenhydrate (Stärke) in diesen Grundnahrungsmitteln nichts anderes als komplexe Zucker sind. Nach der Verdauung im Magen und Darm gelangen sie  als einfache Zucker ins Blut. Am wichtigsten für den menschlichen Körper ist dabei die Glukose (die Stärke ist ein Kettenmolekül aus vielen Glukosemolekülen), die zu einer Ausschüttung des Hormons Insulin führt (produziert in der Bauchspeicheldrüse). Insulin ist ein Masthormon, das versucht, die auf genommenen Kohlenhydrate zu speichern (z. B. als Glykogen oder bei einem Überangebot auch als Fett in der Leber), dadurch den Zuckerspiegel im Blut senkt und damit wieder ein Hungergefühl verursacht. Außerdem hemmt Insulin die Fettverbrennung. Besteht erst einmal ein Übergewicht so kommt es zu einem Phänomen, das als Insulinresistenz bezeichnet wird: Das reichlich produzierte Insulin  kann im Gewebe nicht mehr im gewohnten Maße wirken. Trotz hoher Insulinspiegel bleibt der Zucker hoch. Physiologisch zwar nicht ganz korrekt, aber anschaulich: es „verpufft“ im Fettgewebe.

Neben der Glukose ist als weiterer Einfachzucker noch die Fruktose zu erwähnen. Gerade dieser Fruchtzucker, also der Zucker, der auch in den meisten Obstsorten enthalten ist, wird in der letzten Zeit immer kritischer gesehen, da er eine starke Wirkung auf die Entwicklung einer Fettleber hat. Nicht umsonst werden bei der Mast von Gänsen für die Stopfleber zur Fütterung nicht nur Getreide sondern auch Datteln oder Feigen verwendet.

Der Haushaltszucker, die Saccharose, die sowohl aus Rohr- als auch aus Rübenzucker gewonnen wird ist ein Zweifachzucker, bestehend aus einem Molekül Glukose und einem Molekül Fruktose. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die in Amerika hergestellte Coca-Cola mit Maissirup (HFCS – High Fructose Corn Sirup) gesüßt wird, der die Bestandteile Glukose und Fruktose nicht als Zweifachzucker enthält sondern als eine Mischung aus Fruktose (55%) und Glukose (45%). Der Maissirup ist einerseits süßer, andererseits auch billiger als Saccharose, nicht zuletzt wegen der Subventionierung durch die amerikanische Regierung.
Dass eine zu hohe Kohlenhydratzufuhr in unserer Ernährung das eigentliche Problem darstellt und eben nicht die Fette („Die Fettlüge“) wird schon seit vielen Jahren in immer neuen Studien bestätigt. Es ist fast schon tragisch, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) die Bedeutung einer zu hohen Zucker- bzw. Kohlenhydratzufuhr bei der Entwicklung von Übergewicht, Metabolischem Syndrom und Diabetes immer noch nicht anerkennen und z. B. Altersdiabetikern empfehlen durchschnittlich 50% (45 – 60%) Ihrer Kalorienzufuhr aus Kohlenhydraten zu decken („Öl ins Feuer gießen“).

Erst kürzlich betonte Prof. Stehle (Vorsitzender der DGE) im WDR in der Sendung „Der Gesundmacher“ wieder die Notwendigkeit der Kohlenhydrate und wertete entsprechend kohlenhydratreduzierte Ernährungsformen (z.B. die LOGI-Methode) als ungeeignet ab.

Dass wir ohne Kohlenhydrate leben könnten, aber nicht ohne Fett und Eiweiß, wird bewusst verschwiegen. Vielmehr wird immer wieder betont, dass das Gehirn auf die Zufuhr von Glukose zur Energieversorgung angewiesen ist. Dabei hat die Leber die Fähigkeit, Glukose auch aus Eiweiß (sog. Gluconeogenese) selbst herzustellen. Außerdem ist das Gehirn im Hungerstoffwechsel in der Lage, auf so genannte Ketonkörper zurückzugreifen, die aus Fettdepots gewonnen werden. Diese Tatsache wird einfach ignoriert, obwohl Medizinstudenten dies bereits zu Beginn Ihres Studiums lernen.

Immerhin lässt z.B. die LOGI-Methode noch 25-30% der Gesamtkalorien als Kohlenhydrate zu. Das ist weit entfernt von einer Atkins – Diät oder sog. „ketogenen Diät“, die mit maximal 0,25 – 0,5 g pro kg Körpergewicht auskommt und dennoch nachgewiesenermaßen unschädlich ist. Dabei muss man nur die Ernährung der Inuit, also der Eskimos betrachten, die ursprünglich aus Fisch-, Rentier-, Walross- und Seehundefleisch bestand.

Eine fast kohlenhydratfreie Ernährung wird zurzeit in einigen Studien (von der Schulmedizin!!) an Krebspatienten getestet, nachdem Untersuchungen an bereits austherapierten Patienten, die also Operation, Chemotherapie und/oder Strahlentherapie schon hinter sich hatten, viel versprechend waren.
(http://lchf.de/wpcontent/uploads/2011/06/ketogeneernaehrungbeikrebs.pdf).
Eine ähnliche Ernährungsform gehört im Übrigen auch zum Standardrepertoire in der Therapie von Kindern mit medikamentös schwer einstellbarer Epilepsie.

Sogar bei Sportlern verlieren die Kohlenhydrate an Bedeutung. Das betrifft sowohl die Ausdauersportler als auch die Kraftsportler. Immer mehr Triathleten, Radrennfahrer und Biathleten trainieren unter Low-Carb-Bedingungen („train low – compete high“) und die „Pasta-Party“ am Vorabend von Wettkämpfen ist kein absolutes „Muss“ mehr. Für Kraftsportler ist eine Ernährung mit wenigen  Kohlenhydraten längst die Methode der Wahl, um einen optimalen Aufbau von Muskelmasse zu erreichen.

Fazit: 

  • Auf den Verzehr von Zucker in den augenblicklichen Mengen ist der Mensch evolutionsbiologisch nicht angepasst.
  • Das gleiche gilt (etwas abgeschwächt) für die Kohlenhydrate ganz allgemein.
  • Dies ist (neben Bewegungsmangel) mit der entscheidende Grund für die Übergewichtsepidemie in den industrialisierten Ländern und auch vielen Schwellenländern.
  • Eine zucker- bzw. kohlenhydratreduzierte Ernährung ist geeignet (eben nicht eine fettreduzierte Ernährung), um diesem Prozess entgegen zu wirken.
  • Selbst eine praktisch kohlenhydratfreie Ernährung ist (bis auf ganz wenige Ausnahmen)  nicht nur ungefährlich, sondern offensichtlich in vielen Fällen sogar vorteilhaft.
  • Kohlenhydrate muss man sich verdienen! Regelmäßige körperliche  und sportliche Aktivitäten helfen,  ein Übermaß an Zucker bzw. Kohlenhydraten „unschädlich“ zu machen.