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Wundermittel Bewegung

16. Dezember 2014
von Dr. med. Martin Pitzer

Für Jahrtausende war das Leben der Menschen durch tägliche stundenlange Bewegung geprägt. Mittlerweile bewegen sich die meisten Menschen weniger als 30 Minuten am Tag auf den eigenen Beinen – viele schaffen noch nicht einmal 2.000 Schritte täglich. Stundenlanges Sitzen am Arbeitsplatz, im Auto oder in der Freizeit vor PC und Fernseher sind für viele Alltag geworden. Bewegung kommt dagegen oft zu kurz. Die Zivilisationskrankheit Übergewicht und damit verbundene Stoffwechselprobleme (Metabolisches Syndrom) sind weit verbreitet. Wohlstandszucker (Typ II-Diabetes) und Bluthochdruck sind zu Volkskrankheiten geworden.

Nicht nur bei diesen Gesundheitsproblemen sind ein regelmäßig durchgeführtes körperliches Training und auch bereits normale körperliche Aktivitäten im Alltag wirksame therapeutische Mittel. Oft können dadurch Medikamente eingespart oder eine medikamentöse Therapie sogar ganz verhindert werden. Obwohl die „Beweislast“ erdrückend ist, wird das „Wundermittel Bewegung“ dennoch viel zu selten eingesetzt.

Dr. med. Martin Pitzer
Facharzt für Innere und Arbeitsmedizin, Pneumologe und Präventivmediziner DAPM

Bewegung hat viele positive Wirkungen auf den Körper, die in zahlreichen Studien eindrucksvoll belegt sind. Nur ein kleiner Teil des Muskels sind kontraktile (motorische) Fasern, die die Bewegung umsetzen. Zu fast 50% besteht der Muskel aus sogenannten sensorischen Fasern, die unserem Nervensystem Informationen zuführen und dadurch alle wichtigen Organ- und Regelsysteme beeinflussen. Die so vermittelten Einflüsse auf Hormonproduktion und das vegetative Nervensystem erklären, warum Bewegung nicht nur die Fitness verbessert, sondern auch positive Wirkungen auf Psyche und Immunsystem besitzt.

Fast genau so zahlreich sind die vasomotorischen Muskelfasern, die durch die Regulation der Muskeldurchblutung großen Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System haben. Bewegung senkt so den peripheren Gefäßwiederstand und damit auch den Blutdruck.

Für Patienten mit der sogenannten „Schaufensterkrankheit“ (periphere arterielle Verschlusskrankheit) ist ein intervallartig aufgebautes Bewegungstraining die wirkungsvollste Therapie, um eine Verbesserung der Durchblutung zu erreichen und die schmerzfreie Gehstrecke zu verlängern.

Die günstige Beeinflussung von Risikofaktoren für Herz- und Gefäßkrankheiten (z.B. im Bereich Fett-, Zuckerstoffwechsel und Blutdruck) durch Bewegung ist bekannt und regelmäßig auch ein wichtiges Thema in unseren Gesprächen im Rahmen der Check-ups. Gerade zu diesem Thema gibt es besonders viele aussagekräftige Untersuchungen, die das große präventive und therapeutische Potenzial von Bewegung verdeutlichen. So sinkt das Risiko für einen Schlaganfall nach einer Metaanalyse von Reimers et al. durch Bewegung um bis zu 40%.

Mittlerweile gilt auch trotz der multifaktoriellen Zusammenhänge bei der Entstehung von Krebs als gesichert, dass körperliche Inaktivität und Übergewicht einen wichtigen Risikofaktor für die Entstehung verschiedener Krebskrankheiten darstellen. Dabei spielen die Insulinresistenz und die dadurch erhöhten Insulinspiegel eine zentrale Rolle. Dadurch wird eine chronische Entzündungsreaktion begünstigt und es kommt zu oxidativem Stress und mitogenen Effekten (= Anregung der Zellteilung). Studien belegen einen Zusammenhang zwischen körperlicher Inaktivität und dem Risiko, an Dickdarm-, Brust- und Prostatakrebs zu erkranken.

Erfreulicherweise hält sich der Aufwand, um all diese Vorzüge von Bewegung zu erzielen, durchaus in Grenzen. Sicher unzutreffend ist die gelegentlich geäußerte These, man müsse sich ein Jahr lang bewegen, um ein Jahr an Lebenserwartung zu gewinnen. Zwar besteht auch bei dem „Wundermittel Bewegung“ ein Zusammenhang zwischen Dosis und positiven Wirkungen. Das zum Erreichen der günstigen gesundheitlichen Wirkungen erforderliche Quantum ist nach neueren Studien aber deutlich niedriger als früher angenommen.

Eine im Journal of the American College of Cardiology veröffentlichte Studie zeigt, dass schon ein paar Minuten langsames Laufen am Tag das Risiko für einen Herz-Kreislauf-Tod erheblich senken. An der Iowa State University wurden 55.000 Erwachsene im Alter von 18 bis 100 Jahren über einen Zeitraum von 15 Jahren untersucht. Selbst wer nur auf 35 bis 50 Minuten Ausdauersport pro Woche kam, in einem Tempo unter 10 km/h joggte oder nur kurze Strecken zu Fuß absolvierte, profitierte gesundheitlich. Das Risiko an Herz-Kreislauf-Problemen zu sterben wurde im Vergleich zu den Bewegungsmuffeln um 45% gesenkt.

Schon 2.000 zusätzliche Schritte am Tag, was einem 20-minütigen Spaziergang entspricht, haben diesbezüglich positive Effekte. Yates und Mitarbeiter veröffentlichten im Dezember 2013 im Lancet eine Studie, für die bei fast 10.000 Personen mit einem Schrittzähler die tägliche Schrittzahl bestimmt wurde. Bei im Schnitt 6 Jahren Nachbeobachtung zeigt die Studie, dass schon mehr Alltagsbewegung einen entscheidenden Faktor in der Prävention darstellt. Bereits 2.000 Schritte mehr am Tag  senkten die Sterblichkeit an Herz- und Gefäßerkrankungen um fast 10%.

Auch in dieser Studie dürfte die oben bereits angesprochene Insulinresistenz und deren Verbesserung durch Bewegung der entscheidende Knackpunkt gewesen sein.

Schon kleine Veränderungen bringen im Punkt Bewegung also überraschend viel. Es lohnt sich immer, ein paar schweißtreibende Minuten in den Alltag einzubauen.

Gehören Sie eher zu den oben angesprochenen Bewegungsmuffeln, sollten Sie sich zum Einstieg eine Bewegungsart suchen, die Sie wirklich mögen und ohne sich dabei zu quälen regelmäßig ausüben können. Egal ob Laufen, Walking, Schwimmen, Radeln oder Rudern, legen Sie einfach los. Ganz sicher ein guter Vorsatz für 2015!

Wenn Sie sich ohnehin schon regelmäßig bewegen, bleiben Sie aktiv! Wahrscheinlich haben Sie neben den oft unbemerkten gesundheitlichen Effekten, die ich oben erläutert habe, ohnehin bereits einen weiteren positiven Aspekt der Bewegung kennen und schätzen gelernt – den auf die Psyche: Bewegung tut einfach gut und entspannt!

Literaturtipp: Jörg Blech „Bewegung“ (S. Fischer Verlag)